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Projekte

2013

Dreamtime

Sinfonische Dichtung für Didgeridoo, Gitarre und Orchester

Premiere DREAMTIME 2013 in der Philharmonie Köln
Mark Atkins (didgeridoo), Wulfin Lieske (guitar) WDR Radio Symphony (Yutaka Sado)

Aus dem Programmheft der Uraufführung (Martina Seeber, WDR)

 

„Einzig das Lied überm Land heiligt und feiert.“ (Rainer Maria Rilke) Mit Träumen hat die "Traumzeit" der australischen Aborigines so wenig zu 

tun, wie mit dem Zeitbegriff der westlichen Welt. Traumzeit bezeichnet vielmehr die mystische Zeit der Schöpfung, dazu gehört die Entstehung der Welt ebenso wie jeder kreative Prozess. Dabei spielt es keine Rolle, ob er schon stattgefunden hat, sich gerade erst ereignet oder in der Zukunft liegt. In der Mythologie der Aborigines gibt es keine lineare Zeit, dafür aber Schöpfungsprozesse, deren Wurzeln in einer anderen Dimension liegen.
In Wulfin Lieskes Dreamtimes verbinden sich die Traumzeit und die Songlines der australischen Ureinwohner mit der abendländischen Kunstmusik. Der Gitarrist und Komponist hat den Kontinent als Musiker bereist und auch die Kultur der Aborigines kennengelernt. Auf einer dieser Tourneen begegnete er dem Digeridoo-Spieler William Barton. Ihre gemeinsamen Improvisationen hielten sie auf der CD Dreamtime fest. Mit dem vielseitigen Digeridoo-Virtuosen, Maler, Geschichtenerzähler und Songwriter Mark Atkins knüpft er nun an diesen ersten kulturellen Brückenschlag an, allerdings unter anderen Vorzeichen. Während die Aufnahmen für Dreamtime ohne vorherige Verabredungen aus freien Improvisationen entstanden sind, ist das gleichnamige Werk für Digeridoo, Gitarre und Orchester das Ergebnis eines langen Kompositionsprozesses. Zugleich ist es aber auch eine Reflektion über die Begegnung zweier Kulturen, über ein archaisches Blasinstrument und das abendländische Orchester, über das Improvisieren und Komponieren, über Freiheit und Festlegung. Tatsächlich ist das Digeridoo ein Fremdkörper im sinfonischen Apparat. Allein die Tatsache, dass es wie auch das Alphorn nur einen Grundton spielen kann, macht es für die westliche Arbeit mit Intervallen inkompatibel. Allerdings schätzt Wulfin Lieske gerade die Konzentration des Digeridoo auf den Klang dieses einen Tons, auf den Reichtum seiner Obertöne und seine Wandelbarkeit. Während westliche Instrumentenbauer im Laufe der Jahrhunderte mit größter Effizienz auf das Ideal des reinen, klaren Klangs hin gearbeitet haben, beurteilen Digeridoo-Bauer ihre Instrumente eher nach der Komplexität ihres Klangspektrums, wobei Kriterien wie Rauigkeit und Instabilität eine durchaus positive Rolle spielen. Vor diesem Hintergrund geht es in Dreamtime auch nicht darum, den 

Exoten dem westeuropäische System anzupassen und seine Beschränktheit zu kompensieren. Im Gegenteil: das Digeridoo verfügt über Klangqualitäten, die dem hochartifiziellen Orchesterapparat heute fehlen und die Wulfin Lieske in Dreamtime auf die westlichen Instrumente überträgt. Die Gitarre, zugleich auch das Instrument des Komponisten, übernimmt in dieser Begegnung der kulturellen Extrempositionen die Rolle des "Mentors". Sie verbindet die beiden Welten, indem sie Material beisteuert, das die Unterschiede überbrückt, und sie schafft über weite Strecken den Spagat zwischen der bis ins Detail hinein festgelegten Musik des Orchesterparts und dem traditionell freien Spiel des Digeridoos. In der Partitur ist die Stimme des Solo-Bläsers nur grob skizziert, die Details hat Wulfin Lieske mit Mark Atkins gemeinsam einstudiert. Allerdings öffnet er nicht nur dem erfahrenen Improvisator, sondern auch dem Orchester und der Gitarre immer wieder Freiräume, in denen sich die Musik vom Notentext entfernt.
Dieser Prozess der Begegnung und des Austausches vollzieht sich in Dreamtime vor dem Hintergrund des ewigen Kreislaufs von Werden und Vergehen. Wulfin Lieske spricht von seinem einsätzigen Doppelkonzert auch als "sinfonische Dichtung". Sie beginnt mit der Entstehung des Universums und führt über die Geburt des Liedes und des Tanzes, zur Natur, um anschließend ihren Niedergang zu schildern.
Nach dem Chaos des Urknalls ordnen sich in Birth of Song zunächst einmal die tönenden Elemente über dem Grundton H, den das Digeridoo vorgibt: ein zeitlos ruhiger neunstimmiger Streicherkanon zieht seine endlosen Kreise, bis die Gitarre den "Song" intoniert. Es ist eine - ursprünglich improvisierte - Melodie, die Wulfin Lieske unverändert in die Komposition aufgenommen hat. Auch auf dieser Ebene begegnen sich in Dreamtime die schriftlose Kultur der Improvisation und die abendländische Tradition des planenden, kalkulierenden und konstruierenden Komponierens. 

Der rhythmische, zweite Satz Initiation of Dance führt an den Ursprung des Tanzes. Anstelle des tiefen Digeridoos kommt hier ein höheres Instrument zum Einsatz, das schnellere Bewegungen erlaubt. Dem hier vor allem perkussiv eingesetzten Digeridoo antworten die afrikanische Schlitztrommel und die Gitarre mit kurzen, harten Impulsen. 

Zugleich weist das Ordnungsprinzip des Kanons, in dem die kosmischen Bahnen der Himmelskörper ein Abbild finden, auf ein Zeitgesetz, das über das menschliche hinausweist. Mit der Tapping-Technik sucht die Gitarre hier die größtmögliche Nähe zu ihrem solistischen Partner, der durch Lippen- und Fingerbewegungen verwandte Klänge erzeugt.
Drei Orchestergruppen, die Holz- und Blechblasinstrumente sowie die gezupften Streichinstrumente kommen ins Spiel. Begleitet von Soloschlagzeugern, die ihren Weg überwachen und begleiten, verarbeiten sie Material des Songs. Die ursprünglich improvisierte Melodie wird hier aus einem ganz anderen Blickwinkel einer strengen musikalischen Bearbeitung
unterzogen, bis die Schlagzeuger, als die archaischste Instrumentengruppe des Sinfonieorchesters, den gesamten Tanz in einer gewaltigen Explosion auslöschen.
Der dritte Satz, Nature, ist seinerseits noch einmal in drei Abschnitte gegliedert. Der Hypothese folgend, dass der Ursprung der Musik in der Nachahmung der Natur liegt, widmet Wulfin Lieske die drei Abschnitte dem Wind aus Ausdruck der unbeseelten Natur, den Lebewesen in Gestalt der - in Australien omnipräsenten - Insekten und schließlich dem Absterben der Natur. Dieser letzte Teil basiert auf einem animalischen Klagelaut. In der Partitur vollzieht sich an dieser Stelle ein radikaler Wechsel. Die Solisten, aber auch das Orchester spielen nicht mehr aus verbindlich notierten Stimmen, sondern improvisieren über vorgegebenes Material. Sie "schaffen eine Atmosphäre aus Wind und Atem", sie imitieren die schnellen Bewegungen und Geräusche der Insekten (eine kleine Hommage an die Termiten, die das Digeridoo erschaffen haben, indem sie tote Baumstämme aushöhlten), bis sie im dritten Abschnitt Klänge verarbeiten, die - so der Komponist - an den Klagelaut eines sterbenden Tieres erinnern. Die Funktion des Dirigenten besteht in diesem Teil darin, eine Klangbalance herzustellen, indem er Dichtegrade und Lautstärken reguliert und das Orchester den Soloimprovisationen folgen lässt. Wenn Nature mit den Klagelauten schließt, lässt Wulfin Lieske lässt offen, ob hier ein namenloses Tier, die Natur oder vielleicht auch eine uralte, naturverbundene Kultur in den Tod gegangen sind. Die Trauer über den Verlust findet ihren Ausdruck im anschließenden Requiem. Nach der improvisatorischen Auszeit ist dieser Teil wieder streng komponiert, auch hier als Kanon, der wieder von den Streichern allein intoniert wird. 

Nach diesem ruhigen Abschied versammelt sich im folgenden Abschnitt das gesamte Orchester zu einem gewaltigen Aufschrei. Stele ist keine Versöhnung mit dem Tod, sondern vielmehr eine verzweifelter Mahnung vor Zerstörung und Auslöschung, eine Erinnerung an vergangene Qualen. Mit der anschließenden Erschöpfung beruhigen sich auch die harmonischen Spannungen. Der Streicherkanon kommt zur Ruhe, aber sowohl das "Naturintervall" der Quinte als auch das h-Moll der Blech- und Holzbläser werden vom Rauschen der Schlaginstrumente fortgeweht. 

Der Kreis schließt sich, so wie alles, was nach der Mythologie der Aborigines aus der Traumzeit gekommen ist, irgendwann als Erinnerung dorthin zurückkehrt. Ein Zyklus von Werden und vergehen, wie ihn auch Rainer Maria Rilke in seinem XIX. Sonett beschrieben hat, das Wulfin Lieske bei der Komposition von Dreamtime als Motto begleitet hat. 

XIX. Sonett 

Wandelt sich rasch auch die Welt wie Wolkengestalten,
alles Vollendete fällt
heim zum Uralten. 

Über dem Wandel und Gang, weiter und freier,
währt noch dein Vor-Gesang, Gott mit der Leier. 

Nicht sind die Leiden erkannt, nicht ist die Liebe gelernt, und was im Tod uns entfernt, 
ist nicht entschleiert.
Einzig das Lied überm Land heiligt und feiert. 

Aus: Rainer Maria Rilke "Die Sonette an Orpheus", Erster Teil (1922) 

Noten